Interview im Checkpoint Alfeld Teil 1

 

Sabrina: Wie kam es zu dem Albumtitel „Ritual“?

 

 

Dero: Wir wollten, dass der Albumtitel mysteriös, vielseitig und nicht zu eindeutig ist.
Ich denke, dass der Titel sehr gut zum Album passt, denn es ist auch relativ vielseitig, düster und mysteriös geworden. Es sollte auch kein Songtitel sein, der auf dem Album vorkommt, es sollte ein eigenständiger Name sein. Wir haben relativ lange gesucht, aber irgendwann kam dann dieser Titel auf und alle waren begeistert. 

 

Außerdem besteht ja auch das ganze Leben aus Ritualen. Auch wir haben Rituale innerhalb der Band. Wir stellen uns z.B. kurz vor dem Konzert wie eine Fußballmannschaft auf,  bilden einen Kreis, umarmen uns und rufen „guten Appetit“. Das ist unser Ritual. 

 

Es gibt viele Rituale in jeder Gesellschaft. Manche sind überflüssig, manche gefährlich, andere wiederum sind längst überholt. Manche Rituale hindern eine Gesellschaft daran sich weiterzuentwickeln. Andere Rituale sind sogar beängstigend, wie z.B. Ritualmorde.

 

 

Sabrina: Hast Du ein ganz persönliches Ritual?

 

 

 

Dero: Ich persönlich bin in meinem Privatleben kein Mensch der Rituale. Ich glaube, da gibt es Bandmitglieder, die wesentlich mehr ritualgesteuert sind. Ich bin da eher chaotisch und sehr spontan. 

 

 

 

Martina: Wer hat eigentlich das Cover entworfen? Ich habe nur mitbekommen, dass es jemand aus Stuttgart war. Und wie kam es zu der Zusammenarbeit?

 

 

 

Dero: Die Firma heißt „Heile Media“. Diese macht schon seit langem richtig gute Arbeit. Wir wollten einen neuen Look haben, den wir zuvor so noch nie hatten. Es sollte etwas surreales, fast ein bisschen horrormäßiges sein. Herr Heile hat seinen ganz eigenen Stil, den wir sehr toll finden. Die Zusammenarbeit hat bestens funktioniert und wir finden, dass das Artwork richtig gut geworden ist und sehr gut zu uns passt.

 

Martina: Was bedeutet eigentlich das Cover? Es wirkt sehr mystisch oder irgendwie schamanisch? Wir haben uns mit einigen Fans ein bisschen darüber unterhalten, was wir darin sehen: Zum einen, dass einer blonden  Frau eine Maske aufgesetzt und sie von Dämonen in die Dunkelheit gezogen wird, oder ob die blonde Frau ein Symbol ist für eine reine, unschuldige oder naive Person, die für irgendwelche dunklen Machenschaften mißbraucht wird. Oder drückt das Bild die Notwendigkeit aus, seine dunklen Schatten zu integrieren und nicht hinter einer Maske zu verstecken, damit sie einen nicht zerstören?

Dero: Man sieht an dieser mannigfaltigen Interpretation, dass es gut gewählt ist, weil jeder seine eigene Interpretation dafür bereit hat. So sollte es auch sein. Man sollte sich fragen, ob diese Person gekrönt wird und sich auf dieses Ritual freut, weil es etwas ganz Feierliches ist oder ob sie Angst hat? Es ist ein großes Fragezeichen, mit dem man zurückgelassen wird. Das ist bei uns auch so eine Art Markenzeichen, dass man bei Oomph! nie genau weiß, wie wir das jetzt gemeint haben und was genau dahintersteckt, welche Interpretationen zulässig sind und welche nicht. Ich denke je mehr Interpretationen eine Band, ein Text oder ein Albumcover hervorbringen, desto interessanter ist es. Wenn alle dasselbe darin sehen würden, wäre das doch total langweilig.




Martina: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Albumtitel und den Songtiteln? Wenn ja, um welche Rituale geht es hier?

Dero: Es gibt einige Songs, die schon sehr in Richtung Ritual tendieren, z.B. „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Lass die Beute frei“. Sie haben eine starke Beziehung zu religiösen Riten,
aber auch zu Jagdritualen. Es wird sehr viel mit Symbolik hantiert auf diesem Album. Es ist aber natürlich nicht jeder Song hundertprozentig mit dem Albumtitel identifizierbar. Das wäre sonst auch zu eindimensional gewesen. Es ist deshalb auch kein reines Konzeptalbum. Es zieht sich zwar ein roter Faden durch das komplette Album, denn letztlich dreht sich alles um Macht und Machtmißbrauch auf drei verschiedenen Feldern: auf dem Feld der Religion, der Politik und der Sexualität. 

 

Wir fanden es sehr interessant, dass diese drei Bereiche die größte Magnetwirkung auf die Leute zu haben scheinen, auch im Internet, egal wo du dich bewegst. Auf Datingportalen, auf politischen Portalen oder in Youtubes-Videos kommen irgendwann nach einer gewissen Zeit immer die Schlagworte Terror/Terrorismus,  Sex/Porno, oder Nazis und Hitler auf. Deshalb ist gerade der Song „Trrr - Fckn - Htlr“ in Bezug auf das komplette Album sehr auf den Punkt gebracht. Er bringt diese ganze Schlagzeilengier, diese Sucht nach diesen drei archaischen Themen Sexualität, Angst vor Terrorismus und die Faszination am ultimativen Bösen zum Ausdruck. Weltweit gibt es überall eine gewisse Faszination am Dunklen, dass gerade das Thema „Drittes Reich“ immer noch ausstrahlt. Wir dachten eigentlich, dass die Welt vielseitiger wäre und mehr Themen parat hätte, um die sich die Leute scharen. Aber letztlich ist vieles, gerade auch im Internetzeitalter, auf diese drei Schlagwörter Terror, Ficken und Hitler reduzierbar.

Sabrina: Das merkt man wirklich immer wieder, egal worum es geht. Man  kann dies immer wieder beobachten, egal ob Facebook oder irgendwoanders in den Schlagzeilen.

Dero: Wir befinden uns ja im sogenannten postfaktischen Zeitalter. Die Menschen sind gar nicht mehr so an den Fakten interessiert, sondern mehr an Emotionen und Subjektivität. Man glaubt also nur das, was man glauben will. Darin steckt schon ein sehr wichtiger Hinweis. „Ich glaube“- also nicht „ich weiß“ oder bin am Wissen interessiert, wie z.B. an Naturwissenschaften, Mathematik, Biologie, Physik, Chemie oder an der Forschung an sich, also an verifizierbaren Erkenntnissen. Und wer wenig weiß, der muss ohnehin viel glauben!

 

Die Menschen lassen sich also zunehmend von Emotionen, vom Glauben und von Halbwahrheiten leiten. Sie glauben zum Beispiel, dass ihre Gedanken von Chemtrails beeinflusst werden oder dass die Erde statt einer Kugel eine Scheibe ist. Man denkt in vielen Bereichen, dass wir wieder ein bißchen im Mittelalter angelangt sind, weil die Leute wahrscheinlich ein bißchen überfordert sind mit der Masse an Informationen, die auf sie einprasselt in unserem digitalen Zeitalter. Deswegen habe ich das kaute Gefühl, die Verschwörungstheorien sind eine Art Ersatzreligion für die Menschen geworden.

 

 

Sabrina: Da habe ich erst kürzlich eine Doku gesehen, dass es Menschen gibt, die glauben, dass die Erde eine Scheibe ist und wie unlogisch diese Gedankengänge bzw. diese Erklärungen für solche Theorien eigentlich sind. Eigentlich dachte ich, wir wären schon fortschrittlicher von unserem  Wissen her.

Dero: Ja richtig, aber das ist so wie in einer Sekte. Man will halt nur das akzeptieren, was man glauben will. Hauptsache, es ist nicht das, was alle glauben, wissen oder denken. Man will sich auch abgrenzen. In vielerlei Hinsicht sind wir also wieder auf dem Weg zurück ins Mittelalter. Dass wir noch gar nicht richtig in der Neuzeit angelangt sind, merken wir z.B. an der Tatsache, dass auch in Deutschland noch gar keine richtige Trennung von Staat und Kirche stattgefunden hat. Bei uns gibt es noch christliche Parteien und es gibt immer noch eine Kirchensteuer. Ein aufgeklärter, freiheitlicher, humanistischer Staat ist eigentlich säkular. Staat und Kirche, Politik und Religion sind dann strikt voneinander getrennt. Das ist für mich ein moderner Staat. Religion und Kirche sind für mich Privatsache. Politik hat nichts damit zu tun. Deutschland hängt da noch mindestens mit einem Fuß im Mittelalter… 

Martina: Und wie stehst Du dann zu Religionsunterricht in den Schulen?

Dero:  Ich finde, Religion in der Schule sollte eher im Religionsunterricht kritisch distanziert und wertfrei gehalten werden, so als ob man eine Lehre reflektiert und nicht so, als ob man das, was da an Inhalten transportiert wird, als absolute Glaubenswahrheit hinnimmt.

Martina: Ich finde es auch interessant und wichtig, dass nicht nur unsere Religion, das Christentum, behandelt wird, sondern dass auch auf ganz neutraler Ebene die anderen Weltreligionen vorgestellt werden.

Dero: Das wird ja auch in vielen Religionsunterrichten, in „Werte und Normen“ oder im Ethikunterricht bereits genauso gehandhabt. Ich finde es absolut richtig,  dass es neutral und nicht tendenziös und beeinflussend gemacht wird. Deshalb ist es auch wichtig, dass wir eine kritische Distanz zu allen Religionen bekommen. Nur so können wir der Religion die politische Macht nehmen, die sie leider immer noch hat. Viele Religionen, gerade die monotheistischen, die Ein-Gott-Religionen, gehen ja davon aus, dass sie die einzig wahre Wahrheit sind. Wenn man das jetzt mal kritisch hinterfragt, ist es ja zutiefst ausgrenzend und faschistoid. Es kann nur einen Gott geben. „Wir sind das erwählte Volk und wir haben die einzige Wahrheit.“  Ein Gott - ein Volk - ein Führer…

 


Martina: Wo fängt für Dich eigentlich Faschismus an? An welchen Merkmalen machst Du dieses fest?

Dero: Die Merkmale des Faschismus sind ein ausgeprägter Antisemitismus, also ein ausgeprägter Judenhass. Darüberhinaus gibt es noch viele andere Merkmale. Ein weiterer ist z.B. ein ausgeprägter Nationalismus und die Erhöhung der eigenen Ideologie über andere bzw. die Abwertung aller anderen Ideologien samt ihrer Anhänger. Der Antisemitismus ist im Christentum und im Islam immer noch sehr dominant. Im Islam wahrscheinlicher noch mehr als im Christentum. Aber viele fundamentalistische Christen werfen den Juden immer noch vor, dass sie ihren Gott bzw. dass sie Jesus getötet haben, als sie ihn ans Kreuz genagelt haben. Ich frage mich da immer: warum? Jesus war doch selbst ein Jude und damit einverstanden, gekreuzigt zu werden, damit er sich für die Menschen hingibt. Wie kann man dies dann den Juden vorwerfen? Das gehört doch eigentlich zur Erfüllung der messianischen Prophetie. Ich finde das merkwürdig….wie im übrigen alle organisierten Religionen. Sie sind für mich einzig zum Zweck der Manipulation und Unterdrückung der Menschen geschaffen worden.

 

Das Judentum ist ja bekanntlich die älteste der monotheistischen Religionen. Danach kam das Christentum, dann der Islam. Man nimmt an, dass die Juden diesen Ein-Gott-Glauben aus der Gefangenschaft in Ägypten mitgenommen haben.
Sie lebten dort ja in der Versklavung und mussten die Pyramiden mit aufbauen. Unter Echnaton wurde der Ein-Gott-Glaube in Ägypten eingeführt. Damals hatte dieser Pharao entschieden, dass es nur noch einen Gott gibt - die Sonnenscheibe. Vorher hatten die alten Ägypter viele Götter gehabt. Das sieht man auch an den vielen Malereien in den Pyramiden. Wenn man sich mal eine ägyptologische Ausstellung ansieht, wird einem schnell klar, dass die alten Ägypter ursprünglich ganz viele verschiedene Götter hatten. Die Abschaffung der Vielgötterei und die Einführung des Ein-Gott-Glaubens unter Echnaton fiel wahrscheinlich in die Zeit, als die Juden in Gefangenschaft in Ägypten lebten. Man nimmt an, dass sie sich das abgeschaut haben. So ist der Monotheismus in die Welt getragen worden. 

 

Ich meine jedenfalls, dass der Monotheismus mit seiner Einstellung, dass es nur einen einzigen Gott geben kann, immer die Gefahr in sich trägt, durch seine Inhalte (ein Gott, ein Volk, ein Führer) als faschistoid rüberzukommen. Die alten Griechen und die alten Römer hatten wesentlich mehr Götter, was ich überaus sympathisch finde. Die Götter waren dazu sehr menschlich in ihrem Wesen und haben andauernd Fehler gemacht, haben sich mit den Menschen eingelassen und Halbgötter gezeugt. Mit den Ein-Gott-Religionen kam dann der Gedanke auf, dass ein Gott perfekt sein muss und keine Fehler macht.  Wer bringt dann aber das Böse in die Welt? Dafür wurde dann quasi als göttlicher Gegenspieler der „Teufel“ ins Spiel gebracht. Somit wurde der Dualismus erfunden. Das ist mir persönlich aber alles zu einfach gemalt, schwarz/weiß, gut/böse, richtig/falsch. Dieses vereinfachte Denken ohne Schattierungen und Grautöne übernimmt ja die Welt heutzutage leider auch wieder…

Martina: Ist aber ein Gott, der vollkommen ist, und somit alles in sich trägt, nicht beides, also sowohl gut als böse, also quasi schwarz und weiß ?